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Kollektivverträge und Zeiterfassung

Nur, wer die Bedeutung und das Wesen der Kollektivverträge kennt, kann verstehen, dass in Österreich Zeiterfassungs-Systeme bei manchen Branchen an ihre Grenzen stoßen.

Das Österreichische Arbeitsrecht besteht aus knapp 40 unterschiedlichen Gesetzen. Gesetze wie z.B. das Arbeitszeitgesetz (AZG), das Urlaubsgesetz (UrlG) oder das Angestelltengesetz (AngG) regeln das individuelle Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Kernstück des Österreichischen Arbeitsrechtes ist aber das Arbeitsverfassungsgesetz (ArbVG), das die kollektiven Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern behandelt. Im sogenannten 1. Hauptstück des ArbVG §2 wird das Instrument des Kollektivvertrages definiert. Daraus ergibt sich, dass viele, jedermann bekannte Pflichten der Arbeitgeber und Rechte der Arbeitnehmer nicht auf Gesetzen des Arbeitsrechts beruhen, sondern nur Gültigkeit auf Basis des jeweils anzuwendenden Kollektivvertrages haben. Zum Beispiel ist das sogenannte Urlaubs- und Weihnachtsgeld (13. Und 14. Monatsgehalt)  ein Arbeitnehmerrecht, das nicht auf einem Gesetz, sondern ausschließlich auf Inhalten der Kollektivverträge beruht.

Kollektivverträge werden zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen geschlossen und gelten für bestimmte Berufsgruppen, Branchen und Regionen. In der Regel werden Kollektivverträge zwischen den Gewerkschaften, als Arbeitnehmervertreter und den Organisationen der gesetzlichen Arbeitgebervertreter, den Sektionen der Wirtschaftskammer, also den sogenannten Sozialpartnern geschlossen. Es gibt in Österreich rund 800 unterschiedliche Kollektivverträge von denen mehr als die Hälfte jährlich neu verhandelt und abgeschlossen werden.

Das Thema Arbeitszeit ist in jedem Kollektivvertrag ein zentraler Punkt. Nur dadurch ist es möglich, dass in Österreich die wöchentliche Normal-Arbeitszeit branchenabhängig zwischen 38 und 40 Stunden liegt. In den einzelnen Kollektivverträgen werden neben der wöchentlichen Normalarbeitszeit sehr viele weitere Regelungen betreffend Arbeitszeit sehr unterschiedlich behandelt. Vor allem im Bereich der Umsetzung flexibler Arbeitszeitmodelle und Gleitzeit gibt es eine große Bandbreite. Dazu zählen u.a. die Grenzen der Durchrechnungszeiträume oder die Bewertung von Arbeitszeiten die außerhalb der Normalarbeitszeit liegen.

Bei der Behandlung von Reisezeiten findet man in den Kollektivverträgen sehr viele Varianten, die teilweise für Zeiterfassungssysteme große Herausforderungen darstellen.

Eine besondere Bedeutung betreffend Zeiterfassung haben die unterschiedlichen Regeln für Ruhezeiten. Hier sind v.a. die Kollektivverträge der Beschäftigten im Handel ein Beispiel dafür, dass „einfache“ Zeiterfassungssysteme die Arbeitszeitmodelle eines Einzelhandelsbetriebes mit Öffnungszeiten am 8. Dezember nicht abbilden können.

Wer sich für ein Zeiterfassungssystem interessiert sollte daher dem Anbieter unbedingt den oder die anzuwendenden Kollektivverträge nennen.